
Fragt man „Fräulein KI“, was ein Nickemännchen ist, erhält man folgende Antwort: „Ein Nickemännchen (auch Missionsspardose genannt) ist eine mechanische Spendendose, die früher häufig in Kirchen oder bei Weihnachtskrippen aufgestellt wurde.“
Für mich ist ein Nickemännchen aber etwas ganz anderes: Es ist eine der schönsten Erinnerungen aus meiner schon lang zurückliegenden Kindheit.
Mein Vater arbeitete viel, und in seiner Freizeit bewirtschaftete er unseren Garten – wir waren damals das, was man heute „Selbstversorger“ nennt. Doch oft nahm er sich an Sonntagen die Zeit, mit uns Kindern einen Spaziergang zu unternehmen.
Manchmal, wenn wir unterwegs waren, hockte er sich einfach ins hohe Gras. Ich saß dann auf seinem Bein, vergaß die Welt um mich herum und konzentrierte mich ganz auf das, was er tat. Mit seinem Taschenmesser schnitt er einen hohlen Stängel vom Bärenklau ab und erklärte mir dabei die Unterschiede zum deutlich giftigeren Riesenbärenklau. Er kürzte ihn auf Handlänge und setzte etwa zwei Zentimeter unter dem oberen Ende einen ganz feinen Schnitt – gerade so, dass der „Kopf“ einknicken konnte, ohne abzubrechen.
Dann pflückte er Butterblumen (den Scharfen Hahnenfuß-der wie ich heute weiß auch giftig ist) mit ihren langen, stabilen Stielen und schob sie vorsichtig durch das hohle Rohr des Bärenklaus. Je nach dessen Dicke nahm er auch zwei oder drei Blumen auf einmal, damit das Köpfchen richtig voll aussah und die Blüten beim Nicken fröhlich durcheinander wippten. Und dann kam der Zauber: Wenn man unten an den Blumenstielen leicht schob, knickte der Stängel an der eingeschnittenen Stelle ein. Es sah aus, als würde das „Pflanzenmännchen“ mir zunicken, und die gelben Blüten wirkten dabei wie Löckchen auf seinem Kopf.
Ich stelle mir gern vor, dass mein Vater dies von seinem Vater gelernt hat. Er erzählte wenig aus seiner Kindheit, aber ich wusste, dass die beiden oft auf dem Pferdefuhrwerk in Wald und Feld unterwegs waren.
Die Lebensdauer eines Nickemännchens war kurz, doch ich hatte meine Freude daran, mit meinen Gefährten durch die Gegend zu ziehen, ihnen Geschichten zu erzählen und sie nicken zu lassen, wann immer ich nach ihrer Zustimmung verlangte.
Ich habe heute noch einmal erklärender Weise ein solches Nickemännchen gebaut und dabei sind all die schönen Erinnerungen in mir wach geworden.
Mit dem Wissen von heute, würde ich aber auf jeden Fall zu Papierstrohhalm und Gänseblümchen oder einem anderen ungiftigen Blümchen greifen um einen unbedenkliche Version für Kinder oder Enkel zu basteln.
Eure Marion


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