Es fing alles ganz harmlos an. Ich wollte Wolle kaufen.
Dreihundert
Gramm. Weinrot – handgefärbt – ein bisschen changierend. Merino. Nicht
pink. Nicht lila. Nicht Feuerwehrrot. Weinrot.
Man sollte meinen, das sei zu schaffen.
Aber vielleicht sollte ich von vorne anfangen.
Ich
habe ein Buch geschrieben. In diesem Buch gibt es ein magisches Tuch.
Meine Protagonistin findet es halb fertig im Wald. Drei feine Linien
laufen durch das Gestrick – gerade eben sichtbar, aber deutlich zu
fühlen. Ihre Aufgabe ist es, das Tuch zu vollenden. Die drei Linien
müssen zusammenfinden, und die Lösung ist ein keltischer Knoten. Als sie das Tuch fertig gestrickt hat, legt sie es sich um die Schultern. Und landet in Solandra.
So weit, so gut.
Nur findet mein Buch seine Leser gerade nicht so recht. Das macht mich traurig, denn ich mag dieses Buch. Sehr sogar. Also habe ich irgendwann beschlossen, etwas zu ändern.
Nicht am Buch.
An mir.
Solandra sollte wieder das werden, was es ursprünglich einmal war: mein Lieblingsort.
Und dann hatte ich eine Idee. Ich stricke das Tuch. Nicht irgendein Tuch, das ungefähr so aussieht wie das im Buch. Nein. Wenn schon, denn schon. Ich wollte das echte Solandra-Tuch. Mit den drei feinen Linien. Mit dem Knoten. Mit allem.
Es gab nur ein winziges Problem:
Das Muster existierte nicht.
Also fing ich an, es zu erfinden.
Ich strickte Maschenproben. Ich probierte Linien aus. Ich verwarf sie wieder. Ich versetzte Hebemaschen und stellte fest, dass das überhaupt nicht so aussah, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich überlegte, ob man ein Gestrick so formen kann, dass eine Linie ihre Richtung ändert, ohne dass man die Linie selbst verändert. Das war schon fast Mathematik. Meine Achtung vor Strickdesignern stieg beträchtlich.
Irgendwann hießen die drei Stränge A, B und C. Dann AA, BB und CC.
Zwischendurch wussten weder die Linien noch ich, wer eigentlich über wem lag.
Zum Glück bin ich Buchhalterin.
Es wurde gekreuzt, gerechnet, geribbelt, neu gestrickt und wieder gekreuzt. Ein regelmäßiger Zopf war zu brav. Also bekam der Knoten unterschiedliche Abstände zwischen den Kreuzungen.
Lang. Kurz. Lang. Kurz.
Plötzlich lag er da.
Der Solandra-Knoten.
Ich habe die Probe abgekettet, gewaschen und beschlossen, sie als Lesezeichen in mein Buch zu legen.
Dann begann ich mit dem Tuch. Ich strickte. Ich rechnete. Ich ribbelte (mehrfach). Ich strickte neu.
Ich stellte fest, dass drei Linien, die zu einer Spitze laufen sollen, vielleicht von Anfang an in Richtung dieser Spitze laufen müssen. Eine Erkenntnis, die rückblickend erstaunlich einleuchtend erscheint.
Also noch einmal.
Inzwischen habe ich einen Prototyp. Ich teste sogar, ob ich die drei Linien ganz leicht in Wellen verlaufen lassen kann, ohne auch nur eine einzige der Hebemaschen zu versetzen.
Ich möchte ausdrücklich festhalten:
Irgendwann war klar, wie das endgültige Tuch aussehen sollte.
Lang. Flach. Etwa 1,90 Meter. Symmetrisch. Drei kaum sichtbare Linien bis zur Mitte. Ein keltischer Knoten als Linie über die zweite Hälfte. Und dunkelweinrot.
Ich brauchte nur noch Wolle. Dreihundert Gramm.
Das kann ja nicht so schwer sein.
Ich fand die perfekte Wolle.
Handgefärbte Merinowolle. Ein tiefes Rot, das in dunkle Bordeaux- und beinahe schwarze Töne hineinläuft. Nicht bunt. Nicht knallig. Einfach dieses tiefe, lebendige Rot, bei dem ich sofort wusste:
Das ist Solandra.
Ich sah auf den Preis, auf die Lauflänge und rechnete. Drei Stränge. Perfekt.
Dann las ich:
Nur noch 1 übrig.
Natürlich.
Seitdem suche ich weinrote Wolle.
Vermutlich kennt ihr auch das Gefühl, wenn man genau das gefunden hat, was man gesucht hat und es dann nicht bekommt.
Ich finde keine dreihundert Gramm von genau diesem tiefen, dunklen, lebendigen Weinrot.
Und langsam fühle ich mich wie Julia Roberts in Pretty Woman.
Nur ohne das Kleid. Und ohne Rodeo Drive. Und mit Stricknadeln.
Ich stehe metaphorisch mit meinem Geld in der Hand vor der Wollwelt und möchte sagen:
„Hallo. Ich würde sehr gerne dreihundert Gramm Ihrer Ware erwerben.“
Aber die Wollwelt will mir nichts verkaufen.
Das Faszinierende daran ist:
Ich habe einen Roman geschrieben, ihn selbst formatiert und veröffentlicht.
Ich habe beschlossen, das magische Tuch daraus in die reale Welt zu holen.
Ich habe gelernt, wie man ein Tuch konstruiert.
Ich habe einen eigenen Knoten entwickelt – den es bestimmt schon irgendwo gibt.
Ich habe herausgefunden, wie man drei gestrickte Linien ihre Richtung ändern lässt, ohne die Linien selbst zu versetzen.
Aber dreihundert Gramm dunkelweinrote Wolle? Nicht zu finden.
Offenbar Magie.
Vielleicht passt das sogar.
Schließlich handelt es sich um das Solandra-Tuch.
Aber eines Tages werde ich sie finden.
Drei Stränge.
Handgefärbt, in verschiedenen dunklen Rottönen – mit ein bisschen Braun.
Dann werde ich das echte Tuch stricken, es mir um die Schultern legen und vermutlich leider nicht nach Solandra verschwinden.
Aber träumen ist immer erlaubt.
UPDATE (19.09.2026): da ist sie (und die Farbe auf dem Foto wird dem Original leider nicht im Ansatz gerecht. Sie ist einfach genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe!! (Ein bisschen dünner- aber das macht nichts)