Geboren und aufgewachsen in der DDR (ich sag heute meinen
Kindern immer gern: „in einem Land, das es nicht mehr gibt“), im wunderschönen
Eichsfeld, mit der innerdeutschen Grenze vor Augen, die für uns unüberwindbar
schien, war Ernesto „Che“
Guevara ein Ausdruck von Freiheit und Rebellion.
Geduldet von der Regierung – vermutlich, weil er ja neben Fidel Castro einer
der Helden der Revolution in Kuba war –, prangte sein Abbild auf so mancher
Jeansjacke der Jugend unseres „sozialistischen Vaterlandes“.Die Bilder der Sklaven, die unter der glühenden Sonne
auf Zuckerrohr- und Tabakfeldern schuften, dann die Revolution und das Leben in
Freiheit, bekamen wir in der Schule förmlich mit der Milch in der
Frühstückspause einverleibt. Kuba wurde für mich zu einer Vorstellung von
Abenteuer, Sonne, Palmen, endlosen Stränden und blauem Meer. Bücher wie
„Camilo“ von Ludwig Renn prägten mein Bild von den Bärtigen in der Sierra
Maestra. Dem konnten auch die grünen und etwas strohigen Kuba-Orangen, die es im
Konsum gab, keinen Abbruch tun.
Kuba war dieses Fernweh-Ziel, das unendlich weit
entfernt und unerreichbar schien. Schon damals entstand dieser leise Wunsch:
Das will ich irgendwann mal mit eigenen Augen sehen. Es sollten viele Jahre und
eine bewegende deutsche Geschichte ins Land gehen bis ich 2016 endlich
aufgebrochen bin.
Ich wollte das Kuba meiner Fantasie, und ich habe es
erlebt.

Während meines Urlaubs habe ich so unendlich vieles gesehen, dass ich
es jetzt – nach zehn Jahren – nicht mehr im Detail beschreiben kann. Ich habe
eine Herzlichkeit erlebt, eine Dankbarkeit, ich habe die Schaukelstühle auf den
Veranden vor den Häusern gesehen, die ich mir so bildhaft vorgestellt habe. Ich
habe die Musiker unverkennbare kubanische Musik spielen hören, während ich in
einer lauen Nacht tanzende Menschen zusah und mich im Takt der Musik bewegte.
Ich bekam ein Gefühl von Herzenswärme und Melancholie gepaart mit Lebendigkeit
und Lebensfreude und eine tiefe Dankbarkeit an diesem Abend in dieser Stadt zu
sein und genau die Szene zu erleben, die ich bisher nur in Romanen gelesen hatte.
Aber ich habe auch von den Schwierigkeiten gehört, von der Armut und von der
Hoffnung. Die Aufbruchstimmung, die 2016 vielerorts zu spüren war, in eine
bessere und modernere Zeit führen würde. Damals war Obama US-Präsident und es
war ein Weg der Annäherung und Unterstützung eingeschlagen worden.

Ich habe die unglaubliche Aussicht in Viñales
genossen, eine Tabakplantage besucht, eine Kaffeerösterei und einiges mehr.
Aber eine Geschichte möchte ich diesem Post nicht vorenthalten: In einem Taxi
(oder auch zweien) von Pinar del Río nach Varadero.
Die Koffer waren mit Stricken auf dem Dach
festgezurrt, wir saßen zu sechst in diesem unglaublichen Fahrzeug, das man von
Bildern kennt, die aber der Wahrheit oft nicht standhalten. Es war keines
dieser aufpolierten Protzwagen, die man in Havanna sieht. Ich denke, die Fotos
sagen genug... Wir saßen zu zweit vorn auf dem Beifahrersitz, was ein Glück
war, denn durch die offenen Fenster schlug der Fahrtwind eher den hinteren
Passagieren um die Ohren. Zum Glück (oder Pech) fuhr das Auto relativ langsam.
Im Fußraum wurde es mit der Zeit so heiß, dass mir buchstäblich die Füße
brannten.

Der Fahrer sprach nur Kubanisch, wir kein Wort. Wir
zuckelten etwa drei Stunden dahin, überholten einen Radfahrer und tatsächlich
einen Eselkarren voll beladen mit Bananenblättern, der von einem alten Mann mit
Strohhut gelenkt wurde. Hinter ihm saß eine Frau und wedelte den beiden mit
einem Bananenblatt „kühle“ Luft zu. Ein Bild wie aus meinen alten Kinderbüchern
– ein totales Klischee, aber dort immer noch Alltag und unglaublich, wenn man
es nicht selbst gesehen hat.
Mitten auf der Autobahn hielt der Fahrer plötzlich an,
fuchtelte mit den Armen, holte unsere Koffer vom Dach und sagte etwas, das ich
nicht verstand. Dann zeigte er auf sich, sagte: „Havanna“ – und das mehrfach.
Ein Ehepaar stieg wieder ein und er fuhr davon. Wir übrigen Fahrgäste standen
etwas konfus am Straßenrand, auf der Autobahn mitten im Nirgendwo, und schauten
uns ratlos an.
Tatsächlich kam kaum einen Augenblick später ein
weiteres Taxi von noch schlimmerem Zustand mit bereits drei Fahrgästen. Es
hielt an, schnallte unsere Koffer wieder aufs Dach, ließ uns einsteigen und
fuhr weiter.
Dieser Fahrer konnte immerhin ein wenig Englisch und erklärte uns:
Das andere Taxi fährt nur nach Havanna, und er bringt uns nun nach Varadero.
Die weitere Fahrt dauerte ebenfalls noch mal vier Stunden. Man musste sich
einstellen auf die Hitze, die Enge und das Brummen und Scheppern des alten
Mobils – dann wurde es zu einem unvergessenen Erlebnis. Ein Gefühl,
zurückversetzt in eine andere Zeit, mit der Sonne, dem heißen Fahrtwind, den
schwitzenden Menschen. Aber wir hatten unser Schicksal angenommen, und niemand
klagte oder nörgelte. Es war ein nicht zu beschreibendes, ursprüngliches
Gefühl. Das ist Kuba: Nichts läuft nach Plan, aber irgendwie kamen wir nach
ungefähr acht Stunden hungrig, verschwitzt und total erledigt an.
Dort am Straßenrand, zwischen Staub und gleißender
Sonne, verstand ich es endlich: Das Kuba meiner Kindheitsträume gab es so nie –
und doch war ich genau am richtigen Ort. Die Freiheit, die „Che“ auf den
Jeansjacken versprach, fand ich nicht in politischen Idealen, sondern in der
Improvisation und der unglaublichen Herzlichkeit der Menschen, die aus dem
Nichts immer noch einen Weg machen.
Als wir schließlich in Varadero einrollten, vorbei an
den prächtigen Fassaden und den glänzenden Oldtimern, dachte ich an Camilo und
die Bärtigen aus der Sierra Maestra. Kuba ist heute ein Land der Risse – in den
Mauern, in der Wirtschaft und in den Biografien. Aber zwischen den Eselkarren
auf der Autobahn und der Hoffnung der Menschen in den Casas Particulares fand
ich das, was kein Schulbuch vermitteln konnte: Menschen jeden Alters, die sich
weigerten, trotz aller Widrigkeiten ihren Stolz und ihr Lächeln zu verlieren.
Es folgten ein paar entspannte Tage an diesem wundervollen Strand, mit manch einer Piña Colada
Am Ende dieser Geschichte angekommen, die beim
Schreiben so lebendige Bilder in mir hervorgerufen hat, muss ich mir
eingestehen: Während die schönen Erinnerungen in mir sicher verwahrt sind, habe
ich in den letzten zehn Jahren kaum verfolgt, was aus der Aufbruchstimmung, vor
allem der jungen Menschen, aus 2016 – dem Jahr, in dem die Rolling Stones in
Havanna spielten – geworden ist.
Die heutige Realität im Mai 2026 ist ernüchternd.
Nachrichten sprechen von einer massiven Treibstoffkrise, diplomatischen
Sackgassen und einem Tourismus, der fast zum Erliegen gekommen ist. Die
Aufbruchstimmung von 2016 scheint in weite Ferne gerückt.
‚Wie es wohl den Menschen geht, die ich damals so
voller Hoffnung und Herzlichkeit kennengelernt habe?‘, denke ich und möchte
damit meine Geschichte beenden.
Alles Liebe,
Eure Marion