Ich muss keine Nische finden. Ich selbst bin die Nische.

Ich weiß im Moment noch nicht genau, wo ich beginnen soll. Als ich vor vier Wochen anfing zu bloggen, konnte ich nicht ahnen, was in den letzten drei Tagen auf mich einregnen würde. Es hat mich verwirrt, überfordert, zweifeln lassen und kurz mein ganzes Sein auf den Kopf gestellt.

 Eigentlich habe ich schon immer geschrieben: Hochzeitszeitungen oder Festreden für Geburtstage etc., Weihnachtsgeschichten für meine Kinder, Tagebuch, sogar einen Roman, der in meiner Schublade schläft. Und so lag es für mich nahe, einen Blog zu beginnen. Doch man sagte mir jahrelang: „Du brauchst eine Nische. Etwas, das dich abhebt, sonst wird sich niemand für deinen Blog interessieren.“

Welches Thema sollte ich nehmen?
Ich koche recht gut und backe manchmal gern, ich kann stricken, häkeln, weben und nähen. Ich klebe Tapeten und streiche Wände, baue Möbel zusammen, räume gern die Wohnung um und dekoriere neu. Ich mag Gartenarbeit, spiele Gitarre und wollte schon immer Klavier lernen, reise gern, lese viel, höre ständig Musik, zocke auch mal gern ein Computergame, ich interessiere mich für Horoskope und Tarot, liebe meinen Hund, kann Badminton und Volleyball spielen und mag meinen Job als Buchhalterin – wobei das alles abdeckt, vom Kaffeekochen bis zum Jahresabschluss.
Vielleicht ist genau das meine Rettung; diese ständige Vielfalt hält mich bei der Stange.Und vermutlich fällt mir morgen noch mehr ein.

Ganz ehrlich: Nach welcher Rangliste hätte ich da ein Thema auswählen sollen? Ich wusste einfach nicht, wie ich mich für ein Spezialgebiet entscheiden soll, ohne dass sich alles andere wie ein Verlust anfühlt. Also ließ ich es jahrelang ganz bleiben.

Vor vier Wochen hatte ich dann die Eingebung: Egal, ich schreibe jetzt einfach für mich. Ich schreibe, was mir in den Sinn kommt, aus der Vergangenheit, der Gegenwart und vielleicht auch die eine oder andere Idee für die Zukunft. Sieben Posts später – von Kuba bis zum Autokauf – merke ich: Der rote Faden bin ich selbst.

Die Suche nach der Quelle

Vielleicht war es Schicksal oder Karma, vielleicht standen die Sterne gerade in der richtigen Konstellation oder mein Unterbewusstsein hat beim Tarot die richtige Karte gezogen. Vielleicht war es aber auch einfach nur ein sehr treffsicherer Algorithmus, der mir ein Buch vor die Füße warf: „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“ von Barbara Sher.

Nachdem ich mich ein wenig hineingelesen hatte, musste ich unbedingt anfangen zu recherchieren. Plötzlich fand ich Bezeichnungen wie Scanner-Persönlichkeit, Vielbegabung, Generalist, Spezialist oder Taucher – sogar Tiefseetaucher! Begriffe, die mich erst überforderten, mir nun aber die Freiheit geben, die ich fühle und von der ich nie wusste, wo ich sie finden kann. Heute weiß ich: Ich muss keine Nische finden. Ich selbst bin die Nische.

Die wissenschaftliche Seite

Um dieses Geflecht in meinem Kopf zu ordnen, hilft mir ein Blick auf die Wissenschaft. Multipotenzialität ist das wissenschaftliche Konzept dahinter – keine Krankheit, die man heilen muss, sondern ein Zustand, den man managen darf. Man kann es so sagen: Multipotenzialität ist die Fähigkeit, das Scanner-Sein ist die Art zu leben.

Das Ganze hat eine neurobiologische Basis: Während das Belohnungssystem von Spezialisten primär auf die Vertiefung von Wissen reagiert, wird im Gehirn von Scanner-Persönlichkeiten Dopamin vor allem durch den Reiz der Neuheit ausgeschüttet. Diese Veranlagung führt dazu, dass wir eine höhere Sensibilität für neue Reize besitzen und unsere größte Befriedigung im Erkennen von Zusammenhängen finden.

Ein Test hat mir zudem bestätigt, was ich lange nur als „innere Unruhe“ wahrgenommen habe: Mein Gehirn arbeitet in einer Taktung, die schlichtweg schneller ist als der Durchschnitt. Schon vor Jahren habe ich herausgefunden, dass ich in Bewegung sein muss – sei es walken, schwimmen oder Rad fahren – damit mein Körper mit meinem Kopf überhaupt schritthalten kann. Ohne dieses Gleichgewicht komme ich nicht zur Ruhe. Mein Hund ist dabei mein wichtigster Begleiter – er zwingt mich auch bei miesestem Wetter raus an die Luft und sorgt so dafür, dass ich beim Wandern meine Gedanken sortieren, mich beruhigen und tief durchatmen kann.

Das Schweizer Taschenmesser

Ein schöner Vergleich, den ich neulich gelesen habe, ist der mit einem Schweizer Taschenmesser. Ein jeder hat jetzt bestimmt den roten Griff mit dem weißen Kreuz vor Augen und die vielen Tools von der Schere bis zum Schraubendreher, die es zu einem Retter im Alltag machen.

Manchmal wird Generalisten unterstellt, sie könnten alles nur „ein bisschen“ – aber das Gegenteil ist der Fall. Ein solches Taschenmesser ist ein Hochleistungswerkzeug. Es ist vielleicht nicht für den einen, lebenslangen Spezialeinsatz gebaut, aber es ist in unzähligen Situationen exzellent einsetzbar und ein wahrer Retter in der Not.

Ich bin kein Skalpell, das nur einen einzigen Schnitt beherrscht. Ich bin das Werkzeug für die komplexen Lagen. Ich kann vieles sehr gut, arbeite mich blitzschnell in neue Welten ein und finde Lösungen, die dem Spezialisten entgehen, weil er den Blick für das große Ganze verloren hat. Mein Talent liegt in der kreativen Verknüpfung von verschiedensten Fähigkeiten.

Die Versöhnung mit mir selbst

Witzigerweise fehlte mir trotz dieser Vielseitigkeit oft das Selbstvertrauen. Für meinen Vater zum Beispiel war ich „nie genug“, weil ich nicht die eine, messbare Spezialisierung hatte – das Besondere, das über allem strahlt. Und dass, obwohl oder eben, weil er erkannte, dass ich sehr intelligent war und Wissen aufsaugen konnte wie ein Schwamm.

Ich war oft diejenige, die geplant und organisiert hat. Die erste vor Ort und die letzte, mit dem Überblick; diejenige, die improvisieren konnte und für jedes Problem eine Lösung fand. Doch ich hatte nie das Gefühl, diejenige zu sein, die man „unbedingt“ dabeihaben wollte, die erste Wahl. Ich war eher die Feuerwehr, die gerufen wurde, wenn es an einer Stelle brannte.

Sogar in meiner Partnerschaft lerne ich gerade, meine Multipotenzialität neu zu verstehen. Eine gute Beziehung bedeutet für einen Scanner nicht, sich anzupassen, sondern den gegenseitigen Freiraum und die tiefe Akzeptanz dafür zu finden, dass einer von beiden eben ständig neue Welten entdeckt, während der andere vielleicht der sichere Hafen ist. Das muss ich jetzt nur noch meinem Partner erklären.

Wenn ich ehrlich bin, wirbeln meine Gefühle gerade wild durcheinander. Da ist eine tiefe Traurigkeit über all die Jahre, in denen ich mich „falsch“ fühlte – weil ich erst jetzt hinter mein eigenes Geheimnis gekommen bin. Ich denke an all die Momente, in denen ich mich klein gemacht habe, weil ich nicht in die eine, perfekte Schublade passte.

Doch gleichzeitig spüre ich eine riesige Erleichterung. Plötzlich ergibt so vieles in meinem Leben einen Sinn. Es liegt nicht nur daran, dass ich ein Sternbild Schütze bin, der gern über das Ziel hinausschießt. Es liegt auch nicht nur daran, dass ich als Linkshänder geboren und dann umerzogen wurde, was mein Gehirn durcheinandergebracht hat. Wie etwa 10 % der Menschen bin ich schlichtweg ein Scanner.

Ich beginne, verständnisvoller zu werden – den Menschen gegenüber, die meinem Tempo oft nicht folgen konnten, aber vor allem mir selbst gegenüber. Ich vergebe mir meine Ungeduld, mein ständiges „Weiterwollen“ und meine mangelnde Toleranz gegenüber dem Tempo meiner Mitmenschen.

Mein virtuelles Projektbuch

Barbara Sher sagt: Ich brauche ein Projektbuch! Und sie hat recht.

Es ist ein Abschied von dem Druck, „genug“ sein zu müssen, und der Beginn einer neuen Abenteuerlust. Während das physische Projektbuch auf meinem Schreibtisch liegt und meine privaten Skizzen hütet, wird dieser Blog ab heute mein virtuelles Projektbuch.

Es ist ein Ort, an dem alles Platz hat, was mich bewegt. Ich bin nicht mehr auf der Suche nach meiner Nische. Ich bin die Nische. Und hier ist der Ort, an dem mein Kopf endlich so schnell und bunt sein darf, wie er es schon immer sein wollte.

Mit einer inneren Freude, wie ich sie bisher noch nicht oft gespürt habe, Grüße an alle Gleichgesinnten und alle, die mit uns auskommen müssen.

Eure Marion

 


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