Während meines ersten Urlaubs im Salzkammergut durfte ich viele besondere und atemberaubende Orte sehen, wie man sie vielleicht nur mit jemandem entdecken kann, der dort geboren und aufgewachsen ist. Eine Aufzählung und Beschreibung würde sicher den Rahmen dieses Posts sprengen, aber meine intensivste und schönste Erinnerung möchte ich hier mit euch teilen.
Ich kannte den Offensee bisher nur aus den Erzählungen meines Lebensgefährten, bis ich an einem Sonntagmorgen im September vor nun immerhin schon acht Jahren selbst an diesem idyllischen Ort stand. Wir waren sehr früh aufgebrochen und kamen kurz nach Sonnenaufgang an. Nach einem kurzen Fußweg traten wir zwischen den Bäumen hervor und da lag er: der Offensee.
Die Wasseroberfläche war so glatt, dass die Spiegelung der Berge eine endlose Tiefe vortäuschte. Obwohl ich festen Boden unter den Füßen hatte, schoss mir dieses Kribbeln in den Magen, wie es mir aufgrund meiner Höhenangst von Seilbahnfahrten, Hängebrücken und Burgtürmen bestens bekannt ist. Unvermittelt blieben wir stehen. Der Nebel, der über einem Teil des Sees lag, und diese absolute Stille verliehen der Szene etwas Mystisches.
Ich hielt den Atem an und hatte für einen Moment das Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein und hier am See waren wir es auch. Wir standen minutenlang einfach nur da. Ich empfand es fast als störend, mein Handy aus der Tasche zu holen, um dieses unglaubliche Foto zu schießen. Doch ich tat es – und bin froh darüber, denn heute hängt dieses Bild gerahmt in unserem Flur. So kann ich im Vorbeigehen innehalten, wenn mich das Leben einmal wieder überrennt, und mich erinnern, dass es diese Orte der absoluten Ruhe wirklich gibt. Die Hektik um mich herum ist laut, aber diese Stille beruhigt meine Seele.
Wortlos setzten wir unseren Weg fort. Das Schweigen zwischen uns war willkommen; es war kein Verstummen, sondern ein gemeinsames Erleben. Jeder hing seinen Gedanken nach und ließ die Atmosphäre auf sich wirken. Ich kenne viele Arten von Stille – die peinliche Pause im Gespräch, betretenes Schweigen, wenn man zwei Lästerer ertappt, Schweigeminuten oder die Andacht in einer Kirche. Aber diese Augenblicke der Stille am See waren ein großes Geschenk, und ich kann sie noch immer fühlen, sobald ich das Bild betrachte.
Plötzlich riss das Röhren eines Hirsches die Luft entzwei. Vermutlich auf Brautschau, war es tief und gewaltig, verstärkt durch das umliegende Gebirge. Ich erschrak, und der Nachhall in den Bergen jagte mir eine Gänsehaut den Rücken hinunter. Es war ein seltsamer Moment, in dem die Magie der Stille zwar gebrochen, die besondere Magie dieses Ortes aber gleichzeitig erst richtig spürbar wurde.
Man kann den See sicher in einer guten Stunde umrunden, aber wir hatten alle Zeit der Welt und schlenderten mehr, als wir wanderten. Seine Erzählungen aus der Kindheit und Jugend weckten auch bei mir längst vergessen geglaubte Bilder, und so tauschten wir unsere Erinnerungen aus, während wir die Kilometer unbemerkt hinter uns ließen.
Stunden später am Ausgangspunkt angekommen, bot sich ein völlig anderes Bild: Der Nebel war verzogen. Das Schnattern von Enten und die Rufe der Blesshühner waren zu hören. Das geschäftige Klappern aus der Jausenstation erfüllte die Luft und nötigte uns förmlich, eine Jause und einen dampfenden Kaffee zu genießen. Zum Glück hatte ich vorsorglich meine Badesachen eingepackt, und so musste ich später auch noch in diesem wunderbar klaren See schwimmen. Noch immer getragen von den Erlebnissen am frühen Morgen, schwamm ich fast andächtig auf den See hinaus.
Dieser Morgen während meines ersten Besuchs im Salzkammergut war ein ganz besonderes Geschenk. Ich weiß schon jetzt, dass ich zurückkehren werde – vielleicht im Winter, um die Runde noch einmal zu gehen, wenn das Knirschen des Schnees unter meinen Füßen und das Knacken des Eises auf dem zugefrorenen See die einzigen Geräusche sind.
Doch bis dahin begleiten mich diese Momente bis nach Hause: Wenn ich morgens aufwache, genieße ich oft diese besondere Stille, bevor die Vögel vor meinem Schlafzimmerfenster aus ihrem Schlaf erwachen und lautstark den neuen Tag begrüßen und denke an den Sonntagmorgen am Offensee.
Bis bald!
Eure Marion
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen