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Sonntag, 26. April 2026

Stille am See

  

 
 Ich kenne viele Arten von Stille. Die peinliche Pause im Gespräch oder die Andacht in einer Kirche. Aber es gibt diesen einen Moment, der in mir nachhallt, sobald ich das Bild von damals betrachte.


Österreich, Mitte September, kurz nach Sonnenaufgang. Wir traten zwischen den Bäumen hervor und da lag er: ein See wie aus flüssigem Glas. Die Wasseroberfläche war so perfekt unbewegt, dass die Spiegelung der Berge eine endlose Tiefe vortäuschte. Obwohl ich festen Boden unter den Füßen hatte, schoss mir ein Kribbeln in den Magen – meine Höhenangst reagierte auf eine Illusion aus Wasser. Unvermittelt blieben wir stehen. In diesem Moment war keine peinliche Stille, kein Schweigen, das man füllen musste. Es war eine Stille, die so massiv war, dass ich kaum zu atmen wagte, um sie nicht wie eine dünne Eisschicht zu zerbrechen.“

Nebelschleier hingen über dem Wasser und verliehen der Szene etwas Mystisches. Ein Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein, überkam mich. Minutenlang standen wir einfach nur da und ließen diesen Anblick auf uns wirken – ein Bild, das sich tiefer in mein Gedächtnis grub, als es jedes Foto jemals könnte.

Plötzlich riss ein Geräusch die Luft entzwei. Ein Röhren, so tief und gewaltig, dass es im Brustkorb vibrierte. Ein Hirsch markierte irgendwo im dichten Grün sein Revier. Es war ein archaischer Laut voller Kraft und Macht – das donnernde Ende eines Augenblicks, der mir noch Jahre später Gänsehaut bereitet.

 


 

 Als wir den See später umrundet hatten, war der Zauber verflogen. Der Kiosk war auf, die Enten schnatterten um die Wette und die ersten Touristen waren da. Der Alltag hatte uns wieder.

 

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